In flachen Gewässern. Michael Mittermeier verarbeitet in seinem Debutprogramm „Zapped“ Fernsehkritik zu gerade noch ansprechender Unterhaltung.
Erschöpfung, ein weißes Flimmern im Kopf, doch mehr als zielloses Umschalten ist einfach nicht mehr drin. Tscha. Daß zuviel lineares Fernsehen eine ähnliche Wirkung erzielen konnte wie eine zu großzügig dosierte Ladung weicher Drogen war nxh nie ein Geheimnis. Im Gegenteil: man kannte und schätzte die Sendungen, mit denen man sich beinahe mühelos in einen leichenstarreähnlichen Zustand, Entspannung genannt, versetzen konnte. Auf die Couch pflanzen, kleines Gedeck (Peperonichips und Coke zero) und schon nach wenigen Minuten setzte eine dumpfe Zufriedenheit ein. „Er ist tot, Jim.“
Beklagenswert ist das meines Erachtens nicht. Kuturpessimismus ist hier und da einfach uncool. Es gibt Schlimmeres, als sich unter seinem (angenommenen) Niveau zu unterhalten. Das Bedürfnis nach abendlicher Zerstreuung wird normal, nur noch Anlass schlichter Selbstironie.
Letztere witd von Michael Mittermeier in seinem ersten abendfüllenden Programm „Zapped – Ein TV-Junkie knallt durch“ von 1996 inszeniert. „Zapped“ ist eine Ein-Mann-Show in 36 Nummern. Die mir vorliegende CD ist die als „swiss-edition“ annoncierte und (wohl) auf eine Stunde gekürzte Aufzeichnung eines Auftritts Mittermeiers 1998 in Zürich. Kurzer biographischer Einschub: Michael Mittermeier wird 1966 geboren und wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf. Nach dem Abitur beginnt er in München ein Magisterstudium. Hauptfach: Amerikanistik. Während des Studiums ist er schon mehr oder weniger hauptberuflich als Musiker (Gitarre) und Comedian unterwegs. 1996 der berufliche Durchbruch mit „Zapped“, 1997 Magisterarbeit über amerikanische Stand-Up Comedy. Fertig ist der erfolgreiche Komiker mit akademischer Ausbildung und Abschluß.
Seine kabarettistischen Vorbilder kann Mittermeier nicht verleugnen. „Wenn ich gewusst hätte, was im Leben auf mich zukommt, wäre ich zu Hause geblieben und hätte weiter ferngesehen“. Und gleich zu Beginn schon stellt er sich seinem Publikum als „bayrischer Kulturvertreter“ in der Schweiz vor. Schließlich haben beide Parteien einen Dialekt, den sonst „keine Sau in Deutschland versteht“. Sein ohnehin lachwilliges Publikum belohnt seine gelungenen Versuche, Schweizer Dialekt zu parodieren, schnell mit Begeisterungsstürmen. Ob ihm aber die Doppelbödigkeit in Mittermeiers Worten aufgefallen ist? Überhaupt hat Mittermeier sein Publikum mit einer Mischung aus Verhohnepipelung des Fernsehens und Alltagsbeobachtungen schnell im Griff. Dabei hilft ihm seine variable Stimme, deren Möglichkeiten durch Verzerrungseffekte noch erweitert wird. Zusätzlich unterstützt wird die Show durch Filmmusik und geschickt eingespielte Toncollagen, die Mittermeiers Spiel atmosphärisch unterfüttern; zum Beispiel die Geräuschkulisse von New York. Los gehts.
Prämiert wird der unrealistischste Werbespot. Guter Kundenservice ist eine schätzenswerte Angelegenheit, besonders, wenn er nicht nur versprochen, sondern auch geleistet wird. Mittlerweile ist es jedoch gebräuchlich geworden, das Unternehmen – bei Abschluß- als Helfer in unmöglichen Notlagen zu visualisieren. Mittermeier erzählt die Werbespots einer Krankenkasse und eines Kreditkartenanbieters nach, klopft sie auf ihre Plausibilität ab, überführt sie in die Realität. Schon ist der Weg frei für wilde Szenarios, in denen ein einsamer Mitarbeiter der Krankenkasse Tag und Nacht am Flughafen sitzt, um eventuell vergessene Auslandskrankenscheine sofort zu übergeben oder Mitarbeiter des Kreditkartenanbieters, die sich mit letztem Einsatz durch den Dschungel kämpfen, um die verlorene Kreditkarte des Kunden ersetzen zu können. Auch den Evergreen „Sex sells“ läßt Mittermeier sich nicht entgehen. Holzdeckenlamellen mit einem kopulierenden Pärchen zu bewerben war witzig gemeint, lässt aber den eigentlichen Zweck der Werbung in den Hintergrund treten. Und beim TV-Junkie geht der Schuß denn auch nach hinten los. „Niemand hat sich je die den Namen der Firma gemerkt! Da sitzt jeder vor dem Fernseher: `scheiß auf die Firma! Ich will die Ficker wiedersehn!´ „. Dass in Werbespots in der Regel geflunkert wird, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. In diesem Sinne ist es nur folgerichtig sie, die Werbespots, aus einer rein komödiantischen Perspektive aufs Korn zu nehmen.
Natürlich kann sich Mittermeier darauf verlassen, daß sein Publikum die von ihm vorgeführten Werbespots in- uns auswendig kennt. Genauso kann er sich – siehe meine Einleitung – darauf verlassen, daß niemand sie bisher ernsthaft auf ihr komisches Potential abgeklopft hat. Mit wenigen Strichen und doch präzise zeichnet er sie nach, um sie danach umso spaßiger ihrer Unsinnigkeit überführen zu können. Dabei erzielt mit gezielt eingesetzten Übertreibungen immer wieder die gewünschte Wirkung: das Publikum lacht sich scheckig.
Und so gehts weiter. Der Rest des Programms besteht aus mehr oder weniger lustigen Anekdoten, die lose von der Reise des TV-Junkies nach New York zusammengehalten werden. Vor einem mehr und mehr enthusiasmierten Publikum macht sich Mittermeier nun lustig über Fernsehserien wie MacGuyver, Sicherheitsanweisungen im Flugzeug, er läßt Arnold Schwarzeneggers Stimme im Original – mit breitem österreichischen Akzent – passieren und berichtet schließlich noch von seinen Erfahrungen in New York. Im Laufe des Programms wird eine einmal erzählte Geschichte selten ad acta gelegt, sondern mehrmals verwendet. Der Auslandskrankenschein taucht im Laufe des Programms mehrmals auf. Als sich der TV-Junkie in New York ein zu scharf gewürztes Chili herausoperieren lassen will, fragt ihn der Arzt: „Do you have an Auslandskrankenschein?“ Nicht gerade der beste Gag, wenn man mich fragt, aber ein gutes Beispiel für ein weiteres komisches Instrument: eine einmal geschilderte Situation wird immer wieder aufgerufen, bis es irgendwann nur noch eines Wortes oder einer Geste bedarf, um dem Publikum multiple Lacher zu entlocken.
Mich hat „Zapped“ auf CD auch ohne die optische Präsenz Mittermeiers noch einigermaßen unterhalten, ein akustischer Comic, der allerdings beim zweiten Hören bereits ermüdet, da es ihm an wirklichem Tiefgang, kritischer formuliert: an Originalität, fehlt. Den eigentlichen Reiz macht die gut geplante und gelungene Performance eines talentierten Komikers aus – den Mangel an Substanz kann sie aber nicht übertünchen. Insgesamt bleibt es bei professionell und temporeich inszeniertem Schulhofhumor. Für seine eher junge Zielgruppe wurde Mittermeier damit Kult und ein Protagonist der ersten Genreation Stand-Up Comedians in Deutschland. Das ist nicht angesichts seiner diszipliniert erarbeiteten Show nicht überraschend und auch nicht zu kritisieren, auch wenn sich bei mir der Spaß 28 Jahre nach Erscheinen der CD in Grenzen hielt.


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