Leicht verrückt. Georg Ringsgwandl porträtiert in seinem ersten longplayer „Das Letzte“ die Normalität in den achtziger Jahren.
Wenn nur die Leute nicht wären!
Immer und überall stören die Leute.
Alles bringen sie durcheinander.
Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht
laufen sie zum Friseur.
Statt begeistert hinter der Vorhut herzutippeln.
sagen sie: Jetzt wär ein Bier gut.
Statt um die gerechte Sache
kämpfen sie mit Krampfadern und mit Masern.
Im entscheidenden Augenblick
suchen sie einen Briefkasten oder ein Bett.
Kurz bevor das Millenium anbricht
kochen sie Windeln.
An den Leuten scheitert eben alle.
Mit denen ist kein Staat zu machen.
Ein Sack Flöhe ist nichts dagegen.
Kleinbürgerliches Schwanken!
Konsum-Idioten!
Überreste der Vergangenheit!
Man kann sie doch nicht alle umbringen!
Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!
Ja wenn die Leute nicht wären
dann sähe die Sache schon anders aus.
Ja wenn die Leute nicht wären
dann gings ruckzuck.
Ja wenn die Leute nicht wären
ja dann!
Ein Teil des Gedichts „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“, geschrieben von Hans Magnus Enzensberger, einem der großen Intellektuellen der Bonner Republik. Die Klage über den Spießer, der sich gegen seine Befreiung sperrt, ist einem der selbsternannten Revolutionäre jener Zeit in den Mund gelegt Gegen den damaligen Zeitgeist schwingt eine unüberhörbare Sympathie für den sogenannten kleinen Mann- das Gedicht wird 1971 veröffentlicht - mit. Tscha. Die Normalität hat ein Eigenleben. Sie lässt sich nicht so leicht von anderen Interessen einfangen.
Ob Georg Ringsgwandl während des Studiums Kontakte zu den damals revoltierenden Studenten, die eine Revolution von links lostreten wollten, aufgebaut hatte, weiss ich nicht. Ringsgwandls Lebenslauf liest sich erstmal straight.1948 wird er in Bad Reichenhall in Bayern geboren. Nach Schule und Abitur studiert er ab 1968 Medizin, ist 1975 promoviert und Arzt. Wir erinnern uns: das waren in der Regel nicht die Gebrochenen, Unangepassten, Kantigen, Heimatlosen. Das dachte ich jedenfalls, bis ich auf ein Gespräch stieß, dass Ringsgwandl über seinen Werdegang mit der FAZ 2013 geführt hatte. Aus diesem Gespräch zitiere ich etwas ausführlicher, auch weil man schnell einen Eindruck vom Ringsgwandls Talent bekommt im Normalen das Eigenartige zu selektieren: „Ich wollte eigentlich Klavier lernen, aber das hätten wir uns nie leisten können - mein Vater war Postbote, meine Mutter Hausfrau. Als ich acht Jahre alt war, ging meine Tante zu den Zeugen Jehovas, weshalb sie nicht mehr Zither spielen durfte. Sie schenkte mir ihr Instrument, ich lernte fleißig und durfte schließlich bei einem Kaffeekränzchen auftreten, wo ich eine Limo, Würstel und ein paar Mark Lohn bekam."
Das hört sich erstmal gut an. Ebenfalls entgegen meiner Erwartung aus den Kurzbiographien wächst Ringsgwandl als Teenager nicht in eine arme, aber optimistische Welt hinein. „Mein Vater war selbst ein armer Hund: schwer kriegsverletzt, gequält von schrecklichen Krampfanfällen. Granatsplitter im Hirn hatten aus ihm einen jähzornigen, gewalttätigen Mann gemacht. Wenn er dich mit seiner riesigen verhornten Pratze ordentlich erwischt hat, bist du quer durchs Zimmer geflogen. Als es immer unerträglicher wurde, habe ich angefangen, bei den Reichenhaller Ringern zu trainieren. Ich dachte: ‚Wenn er mich noch einmal anfasst, bring ich ihn um.‘ Etwa ein Drittel der Männer war im Krieg geblieben, wer überlebt hatte, der sah sich einer einer Welt gegenüber, die weitestgehend von Frauen organisiert wird, schreibt die Autorin Sabine Bode. Und viele Männer hatten mit ihren Kriegserfahrungen zu kämpfen. Das wird vermutlich häufiger zu schwierigen Situationen geführt haben.Sogar in der Schule gilt es zwischenmenschlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Ringsgwandl wächst also in eine harte Welt hinein, wird sogar von Gleichaltrigen verprügelt. „Einen besonders brutalen Kerl habe ich wirklich gehasst. Das war so ein Lederjacken-Rocker, viel älter als ich, der meinen Kopf einmal so lange in ein Wasserfass getaucht hatte, dass ich fast verreckt wäre.“
Das alles hindert Ringsgwandl aber nicht, weiter in die Musik einzusteigen. Zunächst begeistert er sich für Jazz und spielt jahrelang in einer Dixieband. Dafür nimmt er Posaunenuntericht. „Mit achtzehn war Schluss damit: Ich musste wegen einer schweren Lungen-Tbc fast ein Jahr lang ins Sanatorium. Dort habe ich mir selbst das Gitarrenspiel beigebracht und meine ersten Songs geschrieben. Schon damals hatte ich den heimlichen Wunsch, Musiker zu werden. Wenn ich das daheim erzählt hätte, dann hätte mich mein Vater wohl einfach erschlagen. Ganz archaisch, ohne Diskussion“
Gitarre zu lernen war sicher ein entscheidender Einschnitt, ein anderer sind Abitur und der Beginn eines Medizinstudium. Da hatte der Vater schon längst von ihm abgelassen. Auch in der Schule sind die Dinge geklärt, als es in die nächste Lebensphase geht „Jahrelang habe ich von Rache geträumt - bis er plötzlich einen Schlaganfall bekam und halbseitig gelähmt war. Da hat Gottes Hand härter zugelangt, als ich es je gewagt hätte. Solche Geschichten schreibt nur das Schicksal - oder der alte Shakespeare. Mit den anderen Schlägern habe ich schon früher meinen Frieden gemacht: Nachdem ich als einziger aus unserem Glasscherbenviertel aufs Gymnasium gegangen war und das Abitur geschafft hatte, war mir klar, dass sie letztlich im Leben den Kürzeren ziehen würden.“ Damit verlässt Ringsgwandl die Welt seiner Jugend, um in München zu studieren.
1974 betritt er zum ersten Mal die Bühne, die er nicht mehr verlassen wird. 1975 Promotion zum Dr. med. Bald ist der Kardiologe und auf dem Weg zum Oberarzt. Nebenberuflich wird aus dem Hobbymusiker ein Freizeitentertainer mit eigenen Bühnenshows und immer größerem Erfolg. Nach fast 20 Jahren als Arzt wird Ringsgwandl 1993 freier Künstler und ist es bis heute. Jetzt zur CD.
Das Cover ist schwarz, in der Mitte sehen wir grün gerahmt eine eigenartige Figur im Halbprofil. Gewandet ist sie in eine Joppe von mir unbekannter Farbe, auf dem Kopf mit der viel zu großen Hakennase thront ein alter Schlapphut. Das Gesicht ist bleich geschminkt und halb abgewendet, die geschlossenen Augen zieren dunkle Lidschatten, die Mundpartie verrät lebenserfahrene Verletzlichkeit. Es scheint sich etwas anderes, schwer zu rubrizierendes, in Dr. Ringsgwandl eingeschlichen zu haben. Ein unbürgerlicher Freak, ein tagsüber schlafendes Nachtschattengewächs, ein abgefahrener Spielmann, ein melancholisch-verletzliches Fabelwesen läßt sich dort von uns anschauen, mehr bei sich selbst als beim Betrachter. Ihre Augen sind weit geschlossen, eine Kunstfigur, durch die Ringsgwandl seine Realität bannt und passieren läßt.
Erster Eindruck nachdem ich die CD eingelegt habe: Die Stimme passt genau in das Bild, das Ringsgwandl auf dem Cover von sich selber zeichnet: schrill, nicht ausgebildet, unangepasst, freaky, eine vokale Leadgitarre, in bayrischem Idiom sich ausdrückend. Die Songs sind von dieser Stimme dominiert, instrumentiert sind sie eher spärlich, in der Regel von Rockgitarre und Bass geprägt. Als Laie möchte ich sie als erdigen Rocksound mit einer Prise Volksmusik versetzt charakterisieren, eher Klangteppich für Ringsgwandls Stimme und seine Texte. Rockgeschichte wird hier nicht geschrieben. In seinen Texten besingt Ringsgwandl den normalen Menschen, beinahe ein Untersuchungsgegenstand, von dem er sich mal mehr, mal weniger entfernt, den er allerdings nie aus den Augen verliert. In „Arbata aus fer Straßn“ zum Beispiel schaut Ringgwandl empathisch, aber hörbar distanziert auf die einfachen Menschen (zurück).
In den achtziger Jahren, als Ringsgwandls Platte erschien, hatte sich die gesellschaftliche Lage fundamental geändert. Der von Ronald Reagan und Margret Thatcher getriebene Neoliberalismus beginnt gerade sein unschönes Haupt zu erheben während der Sozialismus seinem Ende entgegen dämmert. Es gibt in Westdeutschland einen sehr ausgebauten Sozialstaat, was sich wohl auch dem damaligen Wettbewerb mit den sozialistischen Systemen verdankt. Die Leute hatten einfach mehr auf der Tasche. Wer normal war, musste nicht zwangsläufig angepasst sein. Hundertprozentige Anpassung zu leben war nur noch eine Option, die Freiräume grösser.
Im Film „Ballade Berlin“von 1948 spielt Gert Fröbe Otto Normalverbraucher, einen heimgekehrten Soldaten, der im zerstörten Berlin versucht, wieder Fuß zu fassen.Der Normalerbraucher träumt jede Nacht denselben Traum. Eine junge Frau schaufelt ihm Essen auf den Teller: so einfach waren in dieser Zeit noch die Bedürfnisse.
In Ringsgwandls Song „Jedermann“ in 4 Strophen kommen Menschen, die gefährliche Hobbys haben (Drachenfliegen, Tiefseetauchen) zu Tode und eine Stimme singt von weitem „Jedermann, Deine Tage sind gezählt/Jedermann, Du hast viel zu lang gelebt“, vielleicht sogar eine Art Abgesang auf das Konzept von eher biederer Normalität , wie es der Film vor seinen Zuschauern ausbreitet. Normalität breiter realisiert sich mittlerweile breiter realisiert.
Auf wikipeda fand ich dann zu meiner Überraschung noch folgenden Eintrag „Eine Studie stellte 1979 neue „Sirius-Millieus“ fest. Der Regelkonsument ‚Otto Normalverbraucher‘,(…) wird abgelöst durch den postmodernen anything-goes-Typ ‚Markus Möglich‘, der für alle Optionen offen ist.“
Zwei Lieder sind mir noch aufgefallen wo das Normale sich in der Nähe der klassischen Autoritäten positioniert.
In „Papst gesehng“ läßt Ringgwandl einen Gläubigen beim Papstbesuch zu Wort kommen. Das die Repräsentanten von Religionen ein vorbildliches Leben lehren, ihr eigenes Leben aber oft anders gestalten, hat auch unser Papstfanboy zu Ohren bekommen. Aber den Papst zu treffen löscht jeden Zweifel aus. Der von Gottfried Fischer dirigierte Kinderchor rührt ihn zu Tränen So richtig versteht er nicht, was ihm der Papst da erzählt (er hot ja aa recht/es is ja wirklich oft a bissl schlecht min Geschlecht“), Der Papstbesuch ist für ihn ein in erster Linie großartiger Event („der oane fliegt im Urlaub obe nach Teneriffa/a andr bloß nach Boarisch Zell/Ein dritta gibt sein Geld fürn Haschisch aus/ des is a Kiffa/ aba iatz här zua, wos i eich erzähl/i war in Altötting daußd und hots aa schlimm geregnet/ ich fühl mich trocken , ich bin warm/ mich hat der Papst gesegnet“). Der trotz strömenden Regen seine Weltanschauung wieder einrenkt.
In „Radarstrahl“ kommt ein ordentlicher Bürger zu Wort. Einerseits stört er sich zwae etwas an den staatlichen Überwachungsinstrumenten (wie zum Beispiel die Radarfalle bei Geschwindigkeitsüberschreitung) andererseits traut er sich aber nicht dagegen aufzubegehren. IN den Strophen werden dann jeweil aus seiner Sicht politische Skandale thematisiert. 1986 gab es zum Besipiel den großen Reaktorunfall von Tschernoby im damaligen Russland (heute auf dem Gebiet der Ukraine), mit gravierenden ein Thema, daß damals bei vielen aufgrund von Tschernobyl Angst auslöste. Trotzdem wurden öffentlich geäußerte Warnungen vor der Anwendung von Atomenergie von der konservativen Regierung als „Panikmache linker Spinner“ heruntergespielt. („Doch glei is ois vorbei, schon wieda wird entwarnt/des Land is guat beinand, ja so muß sei"). Auch in Ringsgwandls Lied schellen beim Bürger die Alarmglocken, doch am Ende siegt die Angst vor der Autorität ("Wer kriagt den Strafzettl, wer kriagt des Bilettl/wird do wer in Flenburg eitrogn?/ Tat i gern frogn, derf ma net frogn,.awuuuuuuh“). Fand ich auch sehr schön.In „Marion vom Waschsalong“ schildert ein Provinzgigolo eins seiner Liebesabenteuer. Ausgerechnet in einem Waschsalon werden er und eine Frau aufeinander aufmerksam („sie holte eine Zigarette raus/na klar, ich gab ihr Feuer“) und ziehen los in die Altstadt. Der Gigolo darf einmal richtig von seiner Eroberung schwärmen. („Sie war der Altstadtsuperstar/ihr Feuer war speziell/alle wollten an sie ran/ doch es lief nur ideell/Grazie in den Hüften/ihr Charme war edelherb/ihr Gang so hip, ihr Lachen so heiß/ diese Frau, sie war superb“). Dann geht man gemeinsam zu ihr. Sie versucht ihn mit Jägermeister gefügig zu machen und muss irgendwann zugeben verheiratet zu sein. Egal: der Mann ist momentan weg, die Nacht wird gemeinsam verbracht. („oh, yeah“). Hat mir besonders gut gefallen.
„Gut Nacht die Damen“:Das letzte Lied, der Vorhang schließt sich. Ringsgwandl, der abgefahrene Entertainer, verabschiedet sich mit dick aufgetragenem Charme. Ironisch wird ein Publikum vorgeführt, daß den Kapriolen des Kleinkünstlers abends erfreut zuhört , um danach zu Hause amüsiert und leicht dekadent aufs „Kanapee“ zu sinken und den Abend in eitel Orgasmus ausklingen lassen. („ein paar Mal Tschau, Tschüs und Bussi/zu Susi, John and Lucy/ und ab dann mit dem Mann, den man so liebt“). Später wird man es Spaßgesellschaft nennen.
Soweit meine freie Interpretation einiger Lieder. Das komplette Album findet sich auf youtube. Und das Fazit?
Auf mich wirkt das Album erstaunlich durchdacht. Die Kunstfigur ermöglicht Ringsgwandl, Abstand zu seinen Gegenständen, seinen Figuren herzustellen und die schrille Art seiner Präsentation läßt Normalität in einem anderen Licht erscheinen, eben nicht als selbstverständlichen Kanon, sondern als seltsam, abgefahren, beinahe außerirdisch. Hinter der Kunstfigur steht aber ein empathischer Beobachter. Ringsgwandl gelingt mit seinem Album eine schräge, unterhaltsame, in Lieder gebannte künstlerische Bestandsaufnahme damaliger Normalität. Das ist doch ein erstaunlicher Befund. Normalität, belehrt jedenfalls mich der Song „Jedermann“, ist ein Konstrukt, daß hin und wieder nachgeprüft und neu justiert werden muss.
Andererseits konnte mich hin und wieder des Eindrucks nicht erwehren,dass der Herr Dr. Ringsgwandl Vorurteile hat, denn seine Songs spiegeln immer noch einen Menge von dem, was für die linke Seele damals zum Inventar eines typischen Staatsbürgers gehörte. Biederkeit, ohnmächtige Autoritätshörigkeit, blinde Kirchengläubigkeit eine grundsätzliche Naivität…angesichts der vielen Freizeittüftler/-handwerker/-schreiber/-philosophen/-musiker, die ich in meinem Leben schon kennengelernt habe, erscheint mir Ringsgwandls Bild von Normalität mamchmal zu negativ. Er selbst scheint mir das beste Beispiel für eine Entwicklung zu sein, daß sich eine Kluft zwischen dem oft bis in die Details reglementierten Mitarbeiter und der in seiner Freizeit teilweise verblüffend anders agierenden Persönlichkeit aufgetan hat. Was aber rein gar nichts an meinem positiven Eindruck über das Album ändert. Noch einmal Enzensberger: „Der Begriff der Normalität ist ein terminologischer Pudding, eine breiförmige Masse, die unter der Hand erstarrt, aber schwabbelig bleibt und zerfällt, sobald man sich ihr mit einem harten Instrument nähert. Ein definierender Zugriff hat keine Chance. Normalität wird einem eingebrockt, man kann sie nur auslöffeln.“
____________________________________
Marco Schmidt: Auch wilde Hunde trinken irgendwann Kamillentee. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. August 2013, abgerufen am 27. August 2013 (Interview mit Georg Ringsgwandl)
Enzensberger, Hans Magnus: Zur Verteidigung der Normalität. In: HME, Der fliegende Robert. Gedichte, Szenen, Essays. Frankfurt: Suhrkamp 1989, S. 174-192
Gesellschaft und Alltagskultur in: Metzler, Gabriele: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte. Paderborn: Schöningh 2004, S. 136-151
Bild mit freundlicher Genehmigung von Georg Ringsgwandl


Kommentare
Kommentar veröffentlichen